St. Anna- oder Bäckerkapelle


Eines der schönsten Kleinode spätgotischer Prägung in Kärnten ist die Annakapelle, im Volksmund auch Bäckerkapelle genannt, in Wolfsberg. Nur wenige Meter nordöstlich der Stadtpfarrkirche am Markusplatz gelegen, präsentiert sie sich dem Beschauer eingebettet zwischen Häusern eher unscheinbar, aber besonders der reizvolle Flügelaltar im Inneren zählt zu den bedeutendsten Altarplastiken der Spätgotik.
Im Spätmittelalter war es üblich, dass die verschiedenen Zünfte Grundstücke oder Bauwerke aus Mitteln der Zunftkassen erwarben oder erbauen ließen, um ihrem kulturellen Leben einen Kommunikationsraum zu geben. Auf diese Art dürfte auch die 1497 erstmals erwähnte Annakapelle in Wolfsberg entstanden sein. Es wird vermutet, dass die heimischen Bäcker beim bambergischen Vizedom vorstellig wurden, dieser möge für die alten Meister und Knechte einen Fond schaffen, um deren Lebensabend erträglicher zu gestalten. Dies wurde bewilligt und als Zuschlag zur eingehobenen Brotsteuer der sogenannte Anna-Groschen eingeführt, dessen Ertrag es ermöglichte, unter anderem dieses kleine Gotteshaus zu errichten. Seitdem ist die Kapelle im Besitz der Bäckerzunft, die einst ihre Hochzeiten, Taufen und auch Beerdigungen dort abhielt, was auch eine Gruft unter dem Boden des Innenraumes beweist, die mit einem mit Brezel, Strutz und Kipferl versehenen Stein verschlossen ist und bei deren Öffnung man zwanzig Sargtruhen mit verwesten Leichnamen fand. Als dokumentarischer Beweis dafür, dass dieses Bauwerk von seiner Entstehung an mit dem Bäckergewerbe verbunden war, gilt auch ein schönes Brezelrelief am Schlußstein des nordwestlichen Pfeilers an der Außenseite. Einmalig fur Österreich ist es, dass sich die Kapelle heute noch im Besitz der Bäckerinnung befindet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, im Laufe der Jahre eine vollständige Renovierung durchzuführen.
Der kleine, spätgotische Bau, über dem sich ein barocker Fassadengiebel mit einem ebenfalls barocken Dachreiter erhebt, wird von seinem gotischen Westportal aus Hattendorfer Sandstein geprägt.
Das Innere erreicht man durch ein beschlagenes Eisentor, das mit einem kleinen Gitter versehen ist, um auch im geschlossenen Zustand einen Blick auf den Flügelaltar zu ermöglichen. Der Innenraum besteht aus einem zweijöchigen Netzrippengewölbe, das von zwei ungleich behandelten Wandpfeilern getragen wird. Die linke Wand ist nischenförmig gegliedert, die rechte von zwei Maßwerkfenstern durchbrochen.
Der Flügelaltar entstand vermutlich um 1500 in einer St. Pauler Werkstätte. Er hat zwei bewegliche und zwei feststehende Flügel und als Bekrönung breites Schnitzwerk, das die Statue der Heiligen Anna umgibt. Im Altarschrein sieht man die vorzüglich geschnitzte Statue Mariens mit dem Kinde, auf den Drehflügeln die Reliefs der Heiligen Georg, Otto, Florian und Korbinian. Der Heilige Korbinian, ein Bischof von Freising, befindet sich gerade auf einer Pilgerreise nach Rom, wobei ihm ein Bär das Pferd zerrissen hat. Er zwingt den Bären, die Bürde zu tragen, daher neben ihm das gezähmte Tier, sowie Pilgerhut und Pilgerkreuz.
Bei geschlossenem Schrein zeigen sich prachtvolle Holztafelgemälde, auf dem unbeweglichen Teil die Bilder der Heiligen Katharina, Margaretha, Barbara und Rosalia, auf den Außenseiten der beweglichen Flügel die Motive „Mariä Verkündigung“, „Christi Geburt“, die „Heiligen Drei Konige“ und der „Tod Mariens“. Die Predella, dies ist der Aufsatz des eigentlichen Flügelaltars, zieren Bilder von Christus mit den Aposteln. Auf zwei Engelkopfkonsolen ruhen seitlich zwei Schnitzstatuen der Heiligen Rosalia und Apollonia, die um 1700 entstanden sein dürften.
Eigentlich ist es schade, dass die Annakapelle von der Bevölkerung nur wenig beachtet wird, denn sie stellt ein bedeutendes Kunstwerk in Wolfsberg dar. Im Jahr 2010 fertigte der Wolfsberger Kunstschlosser Franz Hornof zur Sicherung des wertvollen Flügelaltars ein kunstvolles Eisengitter dessen Segnung im Jahr 2011 im Beisein von Vertretern der Bäckerinnung und Bäckern durch Kaplan MMag. Dr. Stefan Kopp erfolgte. Die Kapelle kann nun von Juni bis September täglich in der Zeit von 8 Uhr bis 13 Uhr und von Oktober bis Mai donnerstags und freitags in der Zeit von 8 Uhr bis 13 Uhr besichtigt werden.

Ursprünglicher Text: Herr Kurt Forstner
aus: WOLFSBERG, Geschichte und Kulturdenkmäler
Aktualisierte Fassung: Herr Mag. Bernhard Wagner

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